Ein Buch für ein paar Kartoffeln mit Salz

Mehr als ein Jahr Detektivarbeit in Archiven von Mainz über Speyer, München und in den Großraum Stuttgart mit mehr als 64 Seiten E-Mail-Verkehr, dann hatte der Laubenheimer Ortshistoriker Jupp Heck das Geheimnis um den Briefschreiber gelöst, der im Juni 1945 als Kriegsgefangener im Rheinwiesenlager Hechtsheim ein junges Mädchen aus Laubenheim einen Zettel mit der Bitte um Lebensmittel zugesteckt hatte: "Hätten Sie nicht etwas Essbares für mich? Ich wäre schon zufrieden mit ein paar gekochten Kartoffeln und etwas Salz, denn ich habe sooo viel Hunger." Als Dank versprach der Obergefreite Rudy Gröger dem Mädchen, dass er sobald er wieder daheim sei, ihr eines "meiner 23 in Druck erschienenen Bücher schicken würde". Das Paket des Mädchens erreichte den Gefangenen ein paar Tage später: "Der Kartoffelsalat hat wunderbar geschmeckt und der Wein, der Wein….". Doch das versprochene Buch ist nie in Laubenheim angekommen, wogegen sich die beiden Briefe im Nachlass der im Juni 2021 verstorbenen hilfsbereiten Frau fanden.

Das Hechtsheimer Kriegsgefangenenlager war eines von 23 provisorischen Lagern, welche die US-Armee im Zeitraum von April bis Juli 1945 vor allem entlang des Rheins errichtet hatten, um die hohe Zahl von mehr als zwei Millionen deutschen Soldaten unterzubringen, die in den letzten Monaten vor der deutschen Kapitulation in Gefangeschaft geraten waren. Es erstreckte sich auf Ackerland entlang der heutigen Rheinhessenstraße von der Kurmainz-Kaserne bis zur Einmündung der heutigen Robert-Bosch-Straße. Schätzungen gehen davon aus, dass bis zu 25.000 ehemalige Wehrmachtsangehörige, vor allem aus dem Sudetenland und Ungarn, im Lager lebten – viele davon unter freiem Himmel und mit mangelhafter Verpflegung. Lebensmittelspenden aus der Bevölkerung waren, obwohl eigentlich verboten, deshalb eine der wenigen Möglichkeiten, die Magerkost aufzubessern.

Doch trotz seiner 23 Bücher, vor allem Volkstheaterstücke, gestaltete sich für Jupp Heck die Suche nach dem Briefeschreiber mühevoll, wie er auf einer Veranstaltung des Vereins Hechtsheimer Ortsgeschichte berichtete. Ein Zufallsfund auf der Ebay-Plattform, ein Exemplar des Bändchens ‚Das einsame Haus‘ führte zu einer ersten Spur, die jedoch erfolglos im thüringischen Mülhausen endete: Der dortige Verlag war schon lange erloschen. Doch eine weitere Ebay-Spur führte zur Vereinigung sudetendeutschen Familienforscher, mit deren Hilfe das Geheimnis um den ehemaligen Kriegsgefangenen gelöst wurde: Rudy, eigentlich Rudolf Josef, Gröger stammte aus Ober-Lindewiese im damaligen Sudetenland, später lebte er zunächst in Arget bei München und von 1974 an im schwäbischen Holzgerlingen, wo er in seinem erlernten Beruf als Steingraveur arbeitete. Als Schriftsteller war er nach dem Krieg nur noch wenig tätig. 1985 verstarb Rudy Gröger in der neuen Heimat. Warum er sich nie in Laubenheim gemeldet hat, weiß sein Enkel leider nicht, Unterlagen seines Großvaters gingen bei einem Wasserschaden unwiederbringlich verloren.

Weitere Informationen unter
Internet: http://www.hechtsheimerortsgeschichte.com

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